Leichtmetall-Fabrik Wintershall

Leichtmetall-Fabrik Wintershall

Stadt Heringen (Werra) - Heringen (Kernstadt)

Beschreibung


Kalisalze enthalten – neben Kalium und anderen Bestandteilen - auch Magnesium. Seit den 1920er Jahren erlebt dieses Leichtmetall in Deutschland einen regelrechten Boom. 1935 bis 1951 werden auf dem Gelände des Kaliwerkes Wintershall Magnesium-Legierungen unter dem Markennamen MAGNEWIN hergestellt.

MAGNEWIN steht für MAGNEsium aus WINtershall. Das Projekt der Wintershall AG passt perfekt in die Zeit, denn das NS-Regime strebt nach möglichst großer Rohstoff-Autarkie für Deutschland und vor allem beim Aufbau der Luftwaffe winkt ein lukrativer Absatzmarkt für den extrem leichten Werkstoff.

Die moderne Produktionsanlage im neu errichteten Werk Heringen II arbeitet nach dem Schmelzflusselektrolyse-Verfahren. Dabei wird in speziellen Zellen das Kalirohsalz „Carnallit“ bei 700 °C per Elektrolyse in Chlorgas und metallisches Magnesium zerlegt. Zunächst werden 92 Zellen mit einer Tagesleistung von 70 kg montiert, später noch einmal 132 Zellen mit doppelter Leistung. Der Strombedarf der Anlage ist immens: 1944 liegt er so hoch wie der heutige Jahresverbrauch von rund 110.000 Menschen. Der größte Teil des Metalls wird anschließend mit Aluminium, Zink oder Mangan zu verschiedenen Legierungen verarbeitet.

Während des Krieges wird das Werk Heringen II als kriegswichtiger Produktionsort großzügig mit Arbeitskräften versorgt: Im benachbarten Dankmarshausen entsteht ein ganzer Lagerkomplex, in dem Zwangsarbeiter verschiedener Herkunft und Kriegsgefangene untergebracht sind. Im Werk sind die Arbeitsbedingungen teils unmenschlich. So müssen z.B. die Metallschöpfer – meist Polen und Ukrainer – 12 Stunden täglich mit Gasmasken im Gesicht bei Temperaturen um 50 °C das Magnesium von den Zellen schöpfen. Chlorgas und Metalldämpfe führen dazu, dass sie nach wenigen Monaten alle Zähne verlieren.

Nach dem Krieg verbieten die Alliierten die Produktion von Magnesium. Die Bestände an Halbprodukten dürfen jedoch noch vermarktet werden und so entstehen eine ganze Reihe von dringend benötigten Alltagsprodukten aus MAGNEWIN – vom Kochtopf über die Leiter bis zum Frühbeetfenster. 1951 wird die Produktion endgültig eingestellt.

Ort der Zwangsarbeit

Das Werk Wintershall und insbesondere die Leichtmetallfabrik (LM) Heringen II waren Orte des systematischen Einsatzes von Zwangsarbeitern im Fulda-Werra-Revier während des Zweiten Weltkrieges. Bereits im Sommer 1940 griff der Konzern in größerem Umfang auf ausländische Arbeitskräfte zurück. Während in vielen Werken zunächst französische und englische Kriegsgefangene in Arbeitskommandos eingesetzt wurden, die in den umliegenden Lagern untergebracht waren, spielte im LM-Werk Heringen II von Beginn an die Zuweisung ziviler Fremdarbeiter eine zentrale Rolle. Dies hing eng mit der Funktion der Fabrik zusammen: Als Teil der Rüstungsindustrie produzierte sie Magnesium-Legierungen unter der Marke „MAGNEWIN“, ein kriegswichtiger Rohstoff für die Flugzeug- und Fahrzeugproduktion. Aufgrund der besonderen Bestimmungen durften hier keine Kriegsgefangenen eingesetzt werden, die unter den Schutz der Genfer Konvention fielen. Der Bedarf musste daher durch zivile Zwangsarbeiter gedeckt werden.

Die Anfänge lassen sich bereits im Frühjahr 1940 nachweisen, als 150 polnische Zwangsarbeiter im Werk eingesetzt wurden. Ende desselben Jahres kamen 110 Facharbeiter aus Frankreich hinzu. Im Juni 1942 kamen 201 angeworbene italienscihe Arbeitskräfte nach Heringen, die jedoch aufgrund der extrem schlechten Arbeitsbedingungen schon nach wenigen Monaten in großer Zahl ausfielen. Zeitgleich erhielt die LM größere Kontingente von Ostarbeitern und Ukrainern. Allein im Sommer und Herbst 1942 trafen rund 250 zusätzliche Arbeiter ein, sodass die Gesamtzahl der Zivilarbeiter auf etwa 600 anstieg. Dieses Niveau konnte bis zum Kriegsende gehalten werden und bedeutete, dass die zivile Belegschaft zeitweise mehr als 60 Prozent der Gesamtarbeitskräfte stellte – ein Wert, der im gesamten Konzern der höchste war.

Die Arbeitsbedingungen im LM-Werk waren extrem belastend. Viele Zwangsarbeiter, insbesondere Polen und Ukrainer, arbeiteten als Metallschöpfer unmittelbar an den Magnesiumzellen. Dort herrschten Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius, begleitet von giftigen Gas- und Metalldämpfen, die den Einsatz von Gasmasken erforderlich machten. Schichtzeiten von bis zu zwölf Stunden waren üblich. Die gesundheitlichen Folgen waren gravierend: Schon nach wenigen Monaten erlitten viele Arbeiter schweren Zahnausfall und andere chronische Schäden. Die Arbeit im LM-Werk gilt daher als eine der gefährlichsten und gesundheitsschädlichsten Tätigkeiten im gesamten Wintershall-Konzern.

Auch im Stammwerk Wintershall selbst zeichnete sich ab 1941 eine zunehmende Abhängigkeit von Zwangsarbeitern ab. Nachdem zunächst vor allem französische und englische Kriegsgefangene eingesetzt worden waren, kamen im September 1941 etwa 200 sowjetische Kriegsgefangene hinzu, von denen 60 im LM-Werk und der Rest in der Kali-Produktion beschäftigt wurden. Auffällig ist, dass diese sowjetischen Gefangenen in der ersten Jahreshälfte 1942 plötzlich nicht mehr in den Quellen erscheinen, während gleichzeitig die Zahl der Zivilarbeiter stark anstieg. Daraus lässt sich schließen, dass viele von ihnen in den Status sogenannter Ostarbeiter überführt wurden. Ab 1943 übertraf die Zahl der Zivilarbeiter im Werk Wintershall mit etwa 350 deutlich die Zahl der Kriegsgefangenen.

DasLM-Werk Heringen II hatte innerhalb des Konzerns eine Sonderrolle. Es war stark in die Rüstungsproduktion eingebunden, was einerseits zu einem frühen und hohen Einsatz ziviler Fremdarbeiter führte, andererseits aber auch mit extremen Arbeits- und Lebensbedingungen verbunden war. Während andere Werke stärker auf Kriegsgefangene zurückgriffen, prägten in Heringen II von Beginn an zivile Zwangsarbeiter den Arbeitsalltag. Die Abhängigkeit von dieser Arbeitskraftform hielt bis zum Kriegsende an und erreichte mit rund 600 Personen eine Größenordnung, die das Werk zu einem zentralen Ort des Zwangsarbeitereinsatzes in der Region machte.

> Sonderausstellung NS-Zwangsarbeit

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